Entflechtung

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat RUAG den Wandel von den eidgenössischen Militärbetrieben zum internationalen Technologieunternehmen erfolgreich geschafft. Jetzt steht der Konzern vor einer neuen Transformation: Eine Entflechtung soll die Voraussetzungen schaffen, um einerseits die Versorgung der Schweizer Armee weiterhin zu garantieren und andererseits das Drittgeschäft erfolgreich weiterzuentwickeln....

Als der Bundesrat 1997 mit dem Bundesgesetz über die Rüstungsunternehmen des Bundes (BGRB) die Grundlage für die Gründung des  Technologiekonzerns RUAG schuf, stand vor allem ein Ziel im Mittelpunkt: Aus den eidgenössischen Militärbetrieben sollten wettbewerbsfähige Unternehmen werden, die sich am Markt behaupten. Der neue Konzern geht die Grossaufgabe der Transformation mit einer neuen Strategie an: RUAG will sich diversifizieren und seine Aktivitäten im militärischen und im zivilen Bereich im In- und Ausland ausbauen – mit organischem Wachstum, aber auch mit Übernahmen.

RUAG etabliert sich schnell

Schnell gelingt es RUAG, neues Geschäft zu akquirieren. Zu den neuen Kunden zählen unter anderem die Flugzeughersteller Airbus, Bombardier und Pilatus. Gleichzeitig setzt der Konzern auf Expansion und kauft 2002 Dynamit Nobel in Deutschland und Schweden und Teile der insolventen Fairchild Dornier GmbH im deutschen Oberpfaffenhofen. Später folgen weitere Akquisitionen, unter anderem Saab Space in Schweden, Austrian Aerospace und Oerlikon Space in Zürich. Die Zukäufe machen RUAG zum grössten unabhängigen europäischen Raumfahrtzulieferer und zum Marktführer für Kleinkalibermunition in Europa. 

RUAG treibt die Transformation konsequent voran und etabliert sich als international konkurrenzfähiges Unternehmen mit einem hohen Mass an Glaubwürdigkeit gegenüber Partnern und Kunden. Nach zwei Jahrzehnten des Wandels steht das Unternehmen heute auf einem breiten industriellen Fundament. Der Konzern unterhält Standorte rund um den Globus in 16 Ländern von den USA bis nach Australien und spielt eine wichtige Rolle in technologisch anspruchsvollen und prestigeträchtigen Programmen wie dem Airbus A320 oder den europäischen und amerikanischen Trägerraketen Ariane 5 und 6, Atlas V und Vulcan. RUAG zählt ausserdem zu den weltweit führenden Anbietern von Kleinkalibermunition im Bereich Jagd und Sport. In den vergangenen Jahren hat der Konzern mehr als die Hälfte seiner Umsätze im Ausland erwirtschaftet, das Geschäft mit der Schweizer Armee macht von ursprünglich 85 noch 30 % aus. 

Von der Internationalisierung und  Diversifikation hat auch die Schweiz profitiert. Die Schweiz erhielt Zugang zu einem breiteren Spektrum zukunftsträchtiger ziviler und militärischer Technologien. Zudem hat der Expansionskurs auch Wachstum und Beschäftigung im eigenen Land gebracht: RUAG beschäftigt heute an 35 Standorten in der Schweiz 4500 grösstenteils hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – rund 500 mehr als vor 20 Jahren.

Zwei Jahrzehnte erfolgreicher Transformation haben RUAG an einen Punkt geführt, an dem neue Weichenstellungen erforderlich sind, um den eingeschlagenen Weg auch weiterhin erfolgreich zu beschreiten. RUAG soll seine gesetzlich verankerte Zweckbestimmung – die Sicherstellung der Ausrüstung der Armee – weiterhin verfolgen und gleichzeitig die Möglichkeit haben, sich in den übrigen Geschäftsgebieten weiterzuentwickeln.

Deshalb hat der Bundesrat beschlossen, RUAG zu entflechten. Unter dem Dach einer neu zu gründenden  Beteiligungsgesellschaft werden die Geschäftstätigkeiten in zwei eigenständigen Unternehmen neu organisiert: Eines davon mit dem Arbeitstitel «MRO Schweiz» wird hauptsächlich Leistungen für die Schweizer Armee erbringen. Die anderen Bereiche, die weltweit tätig sind und grösstenteils zivile Geschäfte tätigen, werden in einem zweiten Unternehmen mit dem Arbeitstitel «RUAG International» zusammengefasst.

Ursprung dieser Entscheidung war auch die Cyberattacke auf RUAG im Jahr 2016, die zeigte, dass auch eine vermeintlich gut geschützte Organisation vor solchen Angriffen nicht hundertprozentig gefeit ist. Mit der Entflechtung werden zudem die IT-Systeme von «MRO Schweiz» und «RUAG International» komplett getrennt. Dadurch kann die Informatiksicherheit erhöht werden. Insbesondere müssen die Informatiksysteme von «MRO Schweiz» den Sicherheitsstandards der Armee genügen, weil deren Leistungen für Einsätze der Armee in allen Bedrohungslagen zwingend erforderlich sind.

Mit der Entflechtung begegnet der Bundesrat aber auch einer Forderung der Eidgenössischen Finanzkontrolle, die von RUAG verlangt, eine transparente Rechnungslegung nach Kundengruppen vorzulegen und die Gewinnmargen entsprechend getrennt auszuweisen. Damit findet ein Paradigmenwechsel statt, galt doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Maxime, Synergien zwischen dem zivilen und dem militärischen Drittgeschäft mit dem Schweizerischen Militärgeschäft zu generieren.

«MRO Schweiz»

«MRO Schweiz» garantiert die Versorgung der Schweizer Armee

«MRO Schweiz» wird auch zukünftig als Kernauftrag die Versorgung der Schweizer Armee zuverlässig, transparent und wirtschaftlich garantieren. Dabei geht es in erster Linie um die Betreuung und den Unterhalt militärischer Systeme, beispielsweise der Kampfflugzeuge des Typs F/A-18 Hornet. RUAG erbringt diese Leistung als Materialkompetenzzentrum der Schweizer Armee. Diese Rolle umfasst neben Wartung, Reparaturen und Überholungen (Maintenance, Repair and Overhaul, MRO) auch technische und technologische Unterstützung, Beschaffung und Logistik sowie Upgrades und Modifikationen. Als Materialkompetenzzentrum erbringt RUAG für die Schweizer Armee jährlich Dienstleistungen in Form von Service Level Agreements (SLA) im Gegenwert von rund CHF 400 Mio. Diese Aufgaben werden heute hauptsächlich in den Divisionen RUAG Defence und RUAG Aviation wahrgenommen. Im Einzelnen werden die Business Units Land Systems und Network Enabled Operations Services der heutigen Division Defence sowie die Business Units Military Aircraft sowie Subsystems & Products der heutigen Division Aviation zu «MRO Schweiz» gehören. «MRO Schweiz» wird rund 2500 Mitarbeitende beschäftigen. «MRO Schweiz» darf ausgewählte Geschäfte mit Dritten weiterführen, sofern die Wertschöpfung grundsätzlich in der Schweiz stattfindet, sich Synergien zugunsten des VBS ergeben, keine nachteiligen Effekte für das VBS entstehen und die Leistungen grundsätzlich kostendeckend erbracht werden.

Die Eidgenossenschaft bleibt auf Dauer alleinige Eigentümerin dieses Unternehmens. So wird sichergestellt, dass die Interessen des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) als Bedarfsträger vollumfänglich gewahrt sind. Im Verwaltungsrat der «MRO Schweiz» wird voraussichtlich auch das VBS vertreten sein. 

«RUAG International»

«RUAG International» wird zum global operierenden Technologiekonzern

«RUAG International» übernimmt die verbleibenden Leistungen der heutigen RUAG, die hauptsächlich für zivile Drittkunden erbracht werden. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um das heute in der Division RUAG Space beheimatete Raumfahrtgeschäft, den Flugzeugstrukturbau (heute RUAG Aerostructures) sowie die Munitionsherstellung für die Bereiche Jagd & Sport und Armee & Behörden sowie für die Industrie (RUAG Ammotec). Die zivilen und internationalen Aktivitäten der heutigen Division Aviation und der Bereich Simulation & Training der heutigen Division Defence werden in der neuen Division «MRO International» zusammengefasst. Diese Einheit wird ebenfalls zu «RUAG International» gehören.

Die künftige «RUAG International» soll die erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens als internationaler Technologiekonzern fortsetzen. «RUAG International» wird dazu eine neue Strategie präsentieren. Je nach Ausrichtung dieser Strategie könnte sich «RUAG International» auch von bestehenden Unternehmensteilen trennen, dafür zur Ergänzung des Portfolios neue Akquisitionen tätigen. 

Um die heutigen Divisionen Space und Aerostructures erfolgreich weiterzuentwickeln, sind erhebliche Investitionen notwendig. Solange der Bund Alleinaktionär ist, sind solche Investitionen schwierig zu begründen, da diese hauptsächlich zivilen Aktivitäten nicht unmittelbar im Interesse der Schweizer Armee liegen und zudem zum Teil im Ausland stattfinden. Vor diesem Hintergrund sollen im Auftrag des Bundesrats auch Optionen für eine teilweise oder vollständige Privatisierung von «RUAG International» geprüft werden. 

Nicht infrage kommt für den Bundesrat dagegen eine Privatisierung der Beteiligungsgesellschaft. Der Bundesrat will weiterhin Alleinaktionär dieser Holding bleiben und damit die fast ausschliesslich für die Armee tätige Geschäftseinheit «MRO Schweiz» zu 100 % beherrschen.

Zeitplan

Zeitplan und erste Organisationsänderungen

Bereits zum 1. Januar 2019 haben erste Organisationsänderungen bei RUAG stattgefunden, um die Entflechtung vorzubereiten: Der Verwaltungsrat hat Andreas Berger zum CEO der Organisationseinheit «MRO Schweiz» ernannt. Er wird bis zum Abschluss der Entflechtung an Urs Breitmeier, CEO RUAG, berichten. Andreas Berger verantwortet die Bereiche, die später der eigenständigen Einheit «MRO Schweiz» angehören werden. Der Geschäftsbereich Military Aviation wurde in die «MRO Schweiz» integriert und in die Hände von Philipp Berner übergeben, der bisher die Division Aviation führte. Gleichzeitig übertrug der Verwaltungsrat Felix Ammann (bisher Vice President Supply Chain bei RUAG Aviation) die Führung der neu geschaffenen Organisationseinheit «MRO International», in der ein grosser Teil des Drittgeschäftes der Divisionen Aviation und Defence zusammengefasst wird und die zukünftig Teil von «RUAG International» sein wird.

Im Berichtsjahr hat RUAG eine Detailplanung für die Umsetzung ausgearbeitet. Über diese wird der Bundesrat im Frühjahr 2019 entscheiden. Die Kosten der Entflechtung von rund CHF 70 Mio. werden von RUAG getragen. Der Zeitplan sieht die Umsetzung der neuen Konzernstruktur am 1. Januar 2020 vor. Ab diesem Tag werden «MRO Schweiz» und «RUAG International» als eigenständige Unternehmen organisiert und geführt. Auch die IT-Systeme sind per Anfang 2020 entflochten.